HARBOR TALES




HALLO

Ich passe nicht
mit anderen
in eine Schublade.
Bin das Achteck zwischen den Kreisen,
stoße überall an.
So habe ich mir eine eigene Schublade gebaut.
Platz nur für mich,
manchmal etwas zu viel.
Was ist mit dir?
Warum kommst du nicht herein?
Der Griff ist kaputt, ich weiß.
Aber hab keine Angst.
Setz dich zu mir.
Lass uns Staubkörner sortieren
und Wollmäuse zähmen.
Lass uns Unordnung in unseren Köpfen machen
– und nie wieder aufräumen.
Komm zu mir in meine Schublade.
Ich hole Kissen und eine Decke.
Dann machen wir es uns gemütlich.

Gewinn beim Bundeswettbewerb "lyrix"

MODERN FAIRYTALES III

Wenn Belle in dem Schloss vom Biest
Internet-Empfang gehabt hätte,
wäre alles anders gewesen.
In einem modernen Märchen
würde sie ganz einfach ein Social-Media-Star werden.
Sie könnte Schmink-Videos für YouTube machen
und sich dabei wahlweise Dagi Belle oder
Belles Beauty Palace nennen. Wahrscheinlich eher letzteres.
Sie könnte das Biest immer stylen
und Männern so Tipps geben,
wie man mit stark behaarten Körpern umgeht.
Oder sie könnte eine eigene Facebook-Seite erstellen,
auf der sie die tanzenden und lebendigen Gegenstände zeigt.
Am besten im Live-Stream.
Tassilo und Lumière wären weltbekannt.
Monsieur von Unruh hätte mehr Follower als Martin Schulz.
Und Online-Magazine würden titeln:
Ihr glaubt nicht, was das Geschirr dieser Frau kann.

JEHUDA BACON


| Jehuda Bacon | Holocaust-Überlebender und Künstler | Jerusalem, Israel | Januar 2017 |

FEUER UND WAWRA


| Hubertus Wawra | Feuerkünstler im Zirkus Flic Flac | Berlin | Januar 2017 |
VERÖFFENTLICHT IN: DIE WELT KOMPAKT AM 25. JANUAR 2017

MODERN FAIRYTALES

Es war einmal
eine Königstochter,
die allen Kindern als das
Schneewittchen
bekannt war.
Ihre Geschichte beginnt zwischen zwei Buchdeckeln
und endet beinahe
mit dem Biss in einen Apfel.
Rot und saftig, lecker und –
vergiftet.
Die böse Stiefmutter wollte sie umbringen.
Doch in einem modernen Märchen
würde das nicht passieren:
Schwarze Haare, blasse Haut und rote Lippen
sind zwar wieder im Trend,
Modezeitschriften feiern den Schneewittchen-Look für den Winter.
Doch eine Prinzessin von heute würde zuerst
ein Selfie mit der bösen Stiefmutter machen
und auf Instagram posten.
Dann würde sie den Apfel kunstvoll kleinschneiden,
auf einem Teller drapieren und fotografieren.
#foodporn #healthy
Und jetzt noch schnell googeln,
wie viele Kalorien so ein Apfel wirklich hat.
Auch die Zwerge wären immer online
und würden sich wundern,
wer da zu Hause bei ihrer Mitbewohnerin ist.
So könnten sie rechtzeitig in die 8er-WG kommen
und die böse Stiefmutter überführen.
Ein Boulevard-Blatt würde titeln:
„Lesen Sie jetzt, warum Äpfel ungesund sind.“

Gewinn beim Bundeswettbewerb "lyrix"

LARISSA


| Larissa Königs | Journalistin | Berlin | Dezember 2016 |

SEBASTIAN


| Sebastian Gubernator | Journalist | Berlin | September 2016 |

SPIELZEIT

Du hast meine Abwehr im Sturm erobert.
Zugegeben, ich habe auch nicht besonders gut verteidigt.
Du sahst mir einfach in die Augen, so direkt und ehrlich.
Dann lächeltest Du und ich konnte nichts dafür.
Es stand 1:0 für Dich.
Ich hörte Applaus, dabei hatten wir gar keine Zuschauer.
Vielleicht war es auch einfach nur mein Herz, das so laut schlug.
Wir spielten uns den Ball hin und her, doch wir waren nicht bemüht, ihn flach zu halten.
Die Taktik ging auf, wir wurden ein Team.
Wir hatten Zweikämpfe mit viel Körperkontakt und gingen zu Boden.
Ich zeigte Dir die Rote Karte, so verliebt war ich.
Ich nahm Dich vom Platz und mit nach Hause.
Am Ende ging es in die Verlängerung.
Doch nach dem Abend hörte ich nie wieder etwas von Dir.
War alles nur ein Spiel?

Gewinn beim Bundeswettbewerb "lyrix"

JULIAN

| Julian Erbersdobler | Journalist | Berlin | Juli 2016 |

BH

Unter mir fließt Wasser,
über mir der Himmel.
Oder ist es umgekehrt?
Meine Augen können keinen
Unterschied erkennen,
ich weiß nur:
Ich fahre über eine Brücke.
Das ist keine
Metapher,
das sind nur Steine
und Schienen.
Ich denke an die Reisen von früher,
an Spiele aus der Kinderperspektive:
Ich sehe was, was Du nicht siehst.
Und das bin ich.
Du wirst mich nie so sehen,
wie ich jetzt bin.
Ungeschminkt, verletzlich.
Ich tanze nackt
durch die Abteile und spüre
die Blicke der anderen.
Dann öffne ich
die Augen,
doch es ist niemand da.
Sind sie alle weggelaufen
oder war da nie wer?
Wie sehe ich überhaupt aus?
Ich klappe den Taschenspiegel zu
und vermisse die Tastatur.
Ein Danke liegt auf meinen Lippen.
Ich will es schreiben,
will es sagen.
Wem ist egal,
jeder hat es verdient.
Der Schaffner
möchte meine Fahrkarte sehen.
Wird er sich heute Abend noch an meinen Namen erinnern?
Es ist fünf Uhr morgens.
Der erste Zug fährt

von Berlin nach Hamburg.

Die Sonne wird erst aufgehen,
wenn ich angekommen bin.

ELF JAHRE

Du 
hast mir
den Kopf verhext.
Deinetwegen habe ich
auf einen Brief gewartet,
der niemals kam.
Dabei wollte ich
doch einmal
mit dir Zug fahren,
wollte dich
so viel fragen:
Schmecken Bertie Botts Bohnen
manchmal
nach Sehnsucht?
Und kann ein Dementor
auch lieben?
Harry,
du weißt es bestimmt.
Ich wollte
zwischen
den Zeilen lesen,
doch ich konnte mich
für keine
Seite entscheiden.
Ich hätte so gerne
die Augen meiner
oder deiner
Mutter
gehabt.
Aber manchmal
werden Geschichten
leider nicht wahr.
Harry Potter, ich hätte
es dir gerne
persönlich gesagt:
Du bist der

Held meiner Kindheit.

STERNENSTAUB

| Dunkelheit. Wunderkerzen. Feuerzeug. Kalte Finger. Lachen. Sekt. Mitternacht. |

SILVESTER

Wir tanzen
trunken 
vor Glück
durch die Nacht
und greifen
nach den Sternen.
Früher hat uns
fast jeden Abend
unsere Mutter
den Nachthimmel erklärt.
Doch damals wussten wir
noch nicht, dass
im Weltall 
die Wolken
aus Alkohol sind.
Sonne, Mond und Sterne.
Ich seh’ euch nur selten
zusammen da oben.
Sagt mir: Wie wird
das nächste Jahr?
Wen werde ich vermissen,
den ich noch nicht kenne?
Wen werde ich vergessen,
der mir jetzt wichtig ist?
Stumm
blicken die Gestirne auf den Horizont herab.
Dort glitzern
deine Farben
in der Dunkelheit
und schreiben unsere Zahl:

Zweitausendsechzehn.

FORMLOS

Ihr Körper ist ein Gebirge-
von Höhen und Tiefen durchzogen.
Mit Abgründen,
die sie selbst nicht
abzuschätzen vermag,
in denen sie
sich selbst verlieren kann.
Manche Gletscher
müssen erst auftauen,
damit die Schätze dahinter
zum Vorschein kommen
können. Einige Täler und Gipfel
werden vielleicht nie
erschlossen werden,
weil dort ewiges Eis
herrscht und
sich niemand die Mühe macht,
bis dorthin vorzudringen.
Keine Hacke und keine Schaufel
werden dort jemals
mit dem Boden
in Berührung kommen,
obwohl er
doch zu einem
der fruchtbarsten zählt.

– Was für eine Verschwendung!
Wo bleiben die Entdecker,
die Forscher, die Abenteurer?


Gewinn beim Bundeswettbewerb „lyrix” im August 2015

VERMISST DU MICH SO WIE ICH DICH?


| Nightfever in der Peter-und-Paul-Kirche Potsdam |

MASKENBALL

| Fanny, Felicitas und Johanna |
Erstes Bild: Gewinn beim HOLLY-Fotowettbewerb von buecher.de im März 2015

WENN ICH EINE MEERJUNGFRAU WÄRE…

| Ein Tag in Venedig | 1, 2 Hafen | 3 Tauben auf dem Markusplatz | 4 Canal Grande |

UNBESCHRIEBEN

Ich sitze hier.
Es wird von mir erwartet,
ein leeres Blatt zu füllen.
Mit Gedanken.
Schön, poetisch, liebevoll.

Doch ich fürchte,
es wird leer bleiben.
Ich allein vermag es nicht.
Meine Gedanken:
Hässlich, unpoetisch, lieblos.