JEHUDA BACON


| Jehuda Bacon | Holocaust-Überlebender und Künstler | Jerusalem, Israel | Januar 2017 |

FEUER UND WAWRA


| Hubertus Wawra | Feuerkünstler im Zirkus Flic Flac | Berlin | Januar 2017 |
VERÖFFENTLICHT IN: DIE WELT KOMPAKT AM 25. JANUAR 2017

MODERN FAIRYTALES

Es war einmal
eine Königstochter,
die allen Kindern als das
Schneewittchen
bekannt war.
Ihre Geschichte beginnt zwischen zwei Buchdeckeln
und endet beinahe
mit dem Biss in einen Apfel.
Rot und saftig, lecker und –
vergiftet.
Die böse Stiefmutter wollte sie umbringen.
Doch in einem modernen Märchen
würde das nicht passieren:
Schwarze Haare, blasse Haut und rote Lippen
sind zwar wieder im Trend,
Modezeitschriften feiern den Schneewittchen-Look für den Winter.
Doch eine Prinzessin von heute würde zuerst
ein Selfie mit der bösen Stiefmutter machen
und auf Instagram posten.
Dann würde sie den Apfel kunstvoll kleinschneiden,
auf einem Teller drapieren und fotografieren.
#foodporn #healthy
Und jetzt noch schnell googeln,
wie viele Kalorien so ein Apfel wirklich hat.
Auch die Zwerge wären immer online
und würden sich wundern,
wer da zu Hause bei ihrer Mitbewohnerin ist.
So könnten sie rechtzeitig in die 8er-WG kommen
und die böse Stiefmutter überführen.
Ein Boulevard-Blatt würde titeln:
„Lesen Sie jetzt, warum Äpfel ungesund sind.“

Gewinn beim Bundeswettbewerb "lyrix"

LARISSA


| Larissa Königs | Journalistin | Berlin | Dezember 2016 |

SEBASTIAN


| Sebastian Gubernator | Journalist | Berlin | September 2016 |

SPIELZEIT

Du hast meine Abwehr im Sturm erobert.
Zugegeben, ich habe auch nicht besonders gut verteidigt.
Du sahst mir einfach in die Augen, so direkt und ehrlich.
Dann lächeltest Du und ich konnte nichts dafür.
Es stand 1:0 für Dich.
Ich hörte Applaus, dabei hatten wir gar keine Zuschauer.
Vielleicht war es auch einfach nur mein Herz, das so laut schlug.
Wir spielten uns den Ball hin und her, doch wir waren nicht bemüht, ihn flach zu halten.
Die Taktik ging auf, wir wurden ein Team.
Wir hatten Zweikämpfe mit viel Körperkontakt und gingen zu Boden.
Ich zeigte Dir die Rote Karte, so verliebt war ich.
Ich nahm Dich vom Platz und mit nach Hause.
Am Ende ging es in die Verlängerung.
Doch nach dem Abend hörte ich nie wieder etwas von Dir.
War alles nur ein Spiel?

Gewinn beim Bundeswettbewerb "lyrix"

JULIAN

| Julian Erbersdobler | Journalist | Berlin | Juli 2016 |

WARUM ISLAND DEN FUßBALL RETTET

Ein Halbfinale gegen Island? So unwahrscheinlich ist das gar nicht mal. Heute Abend spielen sie gegen Gastgeber Frankreich - und hätten das Weiterkommen durchaus verdient. Denn sie zeigen bei ihrer ersten EM-Teilnahme, worauf es nach den Fußball-Skandalen wirklich ankommt:

Es ist gar nicht wichtig, wie viele Millionen ein Spieler auf dem Papier wert ist oder bei welchem Verein er spielt. Er muss nur das lieben, was er tut, und an sich glauben.

Sie lehren uns, dass Zusammenhalt und Leidenschaft ein Team weiter bringen als so manchen Favoriten.

Und dass nichts sympathischer ist als Bodenständigkeit: Ihr Trainer zum Beispiel arbeitet nebenbei noch als Zahnarzt.

Sie feiern jeden Punkt wie den Titel, zehn Prozent der Bevölkerung sind als Fans mitgereist. Ich würde heute Abend gerne noch einmal hören, wie der isländische Kommentator seine Mannschaft bejubelt. Gewinner der Herzen sind sie jedenfalls schon jetzt.

FACEBOOK BRAUCHT KEINE GEFÜHLE

Ist es nicht absurd und irgendwie auch skurril, dass wir genau das, was uns von anderen Lebewesen unterscheidet, immer weiter aufgeben? Die Fähigkeit, uns und damit auch unsere Gefühle und Empfindungen zu artikulieren. Wir reden nicht mehr miteinander, schreiben nur noch in monotonen Schriftarten, durchbrochen von Großbuchstaben und einzelnen Satzzeichen. !!!11!!

Deshalb hat Facebook jetzt neben dem „Gefällt mir“ fünf weitere Emotionen eingeführt: Liebe, Erstaunen, Traurigkeit, Wut, Freude. Schon Hermine Granger sagte im fünften Harry Potter-Teil zu Ron Weasley: „Dein Gefühlsreichtum passt ja auf einen Teelöffel.“ Das tut der von Facebook wirklich.

Als ob virtuelles Mitleid irgendetwas besser machen würde. Oder virtuelle Wut. Es lässt die Menschen doch nur noch mehr abstumpfen gegenüber all dem Schrecklichen und Traurigen, das jeden Tag passiert. Früher haben die Menschen wenigstens gespendet, um Mitgefühl auszudrücken und ihr Gewissen zu beruhigen. Nun zeigen sie es durch einen Button und lassen ein gelbes Gesicht für sich sprechen. Sie sehen die allgemeine, vorgefertigte Meinung und müssen sie nur annehmen.

Wir emojisieren unser Leben. Es gibt kein Gebiet mehr, das sie nicht beschreiben können: Fußball-Spiele. Die Weihnachtsgeschichte. Sexpositionen. Die meistgelesenen Beiträge auf vielen Websites sind: „Diese Emojis haben Sie bislang falsch verwendet“ und „Das bedeuten sie wirklich.“

Emotionen statt Emojis

Facebook tut nicht gut daran, denn je mehr Gefühle es zulässt, desto verletzbarer macht es sich oder in diesem Fall: seine Nutzer. Das ist dann wie im richtigen Leben, nur schlimmer. Cybermobbing wird noch einfacher: Fotos und Beiträge werden mit „wütend“ oder „traurig“ markiert. Messer sind verboten, deshalb werden Worte benutzt und nun nicht mal mehr die. Wenn man keine Narben sieht, sind schließlich auch keine da.

Oder warum zeigt er oder sie kein Herz, sondern nur einen Daumen? Gefalle ich ihr oder ihm nicht mehr? Die einzige Erklärung ist hoffentlich, dass der andere nicht so viel Zeit auf Facebook verschwendet und schlicht noch nicht weiß, wo er jetzt besser nicht lange seine Maus draufhalten sollte.

Das soziale Netzwerk weiß genau, was seine jungen Nutzer brauchen. So kam doch erst kürzlich der Geheimcode zum Schachspielen ans Licht. Geduld ist wichtig. Nicht nur beim Schach, sondern auch bei Facebook. Wenn man stunden-, ja manchmal tagelang auf eine Antwort warten muss. Es hat unsere Kommunikation zerstört und will uns nun dafür entschädigen

Es sagt öfter „Guten Abend“ und fragt häufiger „Wie geht es Dir?“ und „Was machst Du gerade?“ als so mancher „Freund“ in der Freundesliste. Hätte es „Kontakt“ oder „Bekannter“ nicht auch getan? Für alle richtigen Freunde braucht man doch eh kein Netzwerk, sondern Zeit.

Reden statt schreiben

Facebook macht Beziehungen, Kontakte und Freundschaften kaputt. Es gibt Apps, die einem zeigen, wer einen aus seinem Leben gelöscht hat. Das will man doch gar nicht wissen. In jedem Fall ist das dann eh für alle Beteiligten besser.

Wir sollten uns nicht mehr hinter Zeichen und Bildschirmen verstecken. Sollten weniger wahllos irgendwelche Bilder liken, sondern lieber wieder persönliche und ernst gemeinte Komplimente machen. Dazu müssen wir nach draußen gehen und persönlich miteinander reden. Kaffee trinken, essen gehen. Cafés, Bars und Restaurants sollten das WLAN ausschalten und wir sollten ihnen dafür dankbar sein.

Durch Mimik und Gestik kann man oft mehr ausdrücken als jemand, der einen noch nicht so gut kennt, zwischen den Zeilen erkennen kann. So würden wir nicht nur Missverständnissen vorbeugen, sondern auch etwas für unsere Gesundheit tun. Mindestens Augen und Rücken werden sich bedanken.

Wir müssen raus aus der blauen Facebook-Welt. Wir sind inzwischen selbst alle blau. Benommen, müssen ausnüchtern vom Rausch der Aufmerksamkeit.

VERÖFFENTLICHT IN MEINER KOLUMNE "KLEBE-NOTIZEN" AUF WWW.BILANZ.DE AM 02. MÄRZ 2016

BH

Unter mir fließt Wasser,
über mir der Himmel.
Oder ist es umgekehrt?
Meine Augen können keinen
Unterschied erkennen,
ich weiß nur:
Ich fahre über eine Brücke.
Das ist keine
Metapher,
das sind nur Steine
und Schienen.
Ich denke an die Reisen von früher,
an Spiele aus der Kinderperspektive:
Ich sehe was, was Du nicht siehst.
Und das bin ich.
Du wirst mich nie so sehen,
wie ich jetzt bin.
Ungeschminkt, verletzlich.
Ich tanze nackt
durch die Abteile und spüre
die Blicke der anderen.
Dann öffne ich
die Augen,
doch es ist niemand da.
Sind sie alle weggelaufen
oder war da nie wer?
Wie sehe ich überhaupt aus?
Ich klappe den Taschenspiegel zu
und vermisse die Tastatur.
Ein Danke liegt auf meinen Lippen.
Ich will es schreiben,
will es sagen.
Wem ist egal,
jeder hat es verdient.
Der Schaffner
möchte meine Fahrkarte sehen.
Wird er sich heute Abend noch an meinen Namen erinnern?
Es ist fünf Uhr morgens.
Der erste Zug fährt

von Berlin nach Hamburg.

Die Sonne wird erst aufgehen,
wenn ich angekommen bin.

WARUM WIR DAS BARGELD BRAUCHEN

Würde meine Sparkatze im Moment Nachrichten gucken, würde ihr das nicht gefallen. Schon bald soll sie keine Mäuse mehr bekommen. Es geht oft um Geld. „Bundesregierung plant 5000-Euro-Grenze für Bargeld-Zahlungen“, „SPD will 500-Euro-Scheine abschaffen“ und „Händler in Kleve verzichten auf 1- und 2-Cent-Münzen.“

Erinnerst Du Dich noch an früher?, würde meine Glückskatze schnurren. Jeden Sonntag hat Dir Deine Mama einen Euro Taschengeld gegeben und ihr habt ihn dann zusammen in meinem Bauch gesteckt. Dieses Geräusch! Es klirrte wohlig. So hast Du den Umgang mit Geld gelernt. Aber wie sollen das die Kinder nun in Zukunft ohne Bargeld tun? Wie sollen sie Relationen zwischen Zahlen herstellen, die sie nur vom Papier kennen? Wie sollen sie den Wert einschätzen und ein Gefühl dafür bekommen, was viel und was wenig ist?

Die neue Generation könnte mit Dagobert-Duck-Comics nichts mehr anfangen. Worin der da wohl schwimmt? Das sieht ein bisschen so aus wie das Foto auf Seite 107 in unserem Geschichtsbuch. Sie würden eines meiner Lieblingsspiele von früher nicht mehr verstehen: Monopoly. Heute ist Dein Geburtstag. Zahle jedem 20 Euro. Die Kinder würden das Spiel nicht begreifen, unsere alte Welt nicht. Die Regeln müssten umgeschrieben werden. Nicht nur die von Monopoly.

Auch das Märchen vom Sternentaler würde in ihren Augen keinen Sinn mehr ergeben. Dann schon eher Hans im Glück. Er tauscht schließlich auch seinen Goldklumpen ein, der ihm zu unpraktisch ist. Doch auch er verliert von Tausch zu Tausch mehr Wert. Gold, Pferd, Kuh, Schwein, Gans, Stein. So ist das auch hier: Wir verlieren unsere Unabhängigkeit. Was passiert denn eigentlich mit meinen ganzen Daten?

Der Staat wird herausfinden, mit wem ich wann und wo Sex habe. Welche politische Einstellung ich habe. Wo ich mich aufhalte. Einfach alles. Vermutlich wird er mehr über mich wissen als ich selbst und Zusammenhänge erkennen, auf die ich vielleicht gar nicht kommen würde.

Und dabei sollen eigentlich Terroristen und Geldwäscher bekämpft werden. Aber ich fürchte, gerade die werden das neue System für sich zu nutzen wissen.

In meiner Sparkatze sammele ich noch heute meine gefundenen Glücksmünzen. Dieses Gefühl, wenn ich irgendwo ein 1-Cent-Stück finde. Meine Mutter hat die traditionelle Cent-Sammlung für meine Brautschuhe. Werden das die Bewohner der nordrhein-westfälischen Stadt Kleve nicht vermissen?

VERÖFFENTLICHT IN MEINER KOLUMNE "KLEBE-NOTIZEN" AUF WWW.BILANZ.DE AM 09. FEBRUAR 2016

WARUM WIR REISEN SOLLTEN. GERADE JETZT

Ich habe mir vor Kurzem einen Globus gekauft. Meine eigene kleine Welt. Ich kann bestimmen, wie schnell sie sich dreht. Und auch die Richtung. Er war zuerst nur als Dekoration gedacht. Für meinen Schreibtisch. Doch dann kamen wir uns näher. Unsere Beziehung wurde inniger als abgemacht. Er flüsterte: Hast Du nicht Sehnsucht? Wo willst Du hin? Ich zeige Dir alles. Kann nur nicht mit. Dann ging ich in meinem Zimmer auf und ab und merkte: Er hat Recht, der Globus. Ich nahm ihn in den Arm und erfuhr: Er kommt aus Taiwan. Hat wohl also auch noch nicht die Welt gesehen. Aber immerhin mehr als ich. Das will ich ändern.

Ja, bist Du denn wahnsinnig?, schrie da die Zeitung. Hast Du mich denn kein bisschen aufmerksam in der letzten Zeit gelesen? 147 Tote in Paris im vergangenen Jahr, Anschläge auf Hotels in Burkina Faso. 10 Tote und 15 Verletze in Istanbul. Das Attentat in Indonesien. Willst Du noch mehr hören? Was brauchst Du denn noch? Dort bist Du nicht mehr sicher. Dann meldeten sich auch die einzelnen Ressorts zu Wort: Vielleicht gefällt Dir ja Island?, fragte der Ratgeber. Aber da sind auch Vulkane, mahnte das Wissen. Bleib’ lieber hier, bei uns. Und guck’ mal, sagte die Politik: Über eine Million Menschen kamen im letzten Jahr nach Deutschland. Die wollen alle hierher. Hier ist es schön. Warum also willst Du nicht bleiben?

Die Zeitung hat Recht, stimmte auch das iPhone mit ein. Und bedenke: Unterwegs kann Dir auch schon so viel passieren. Die Nachrichten-App zeigte mir die Schlagzeilen der letzten Zeit: Mann stößt 20-Jährige vor Berliner U-Bahn und tötet sie. Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof. Absturz in Ägypten: Flugzeug brach in der Luft auseinander. Flugzeugabsturz in den Alpen. Ich kann Dir noch die Bilder zeigen. Aber willst Du das wirklich? Lass’ uns mal wieder was Schönes zusammen machen. Ruf’ doch Deine Mama oder Deinen besten Freund an. Euer Nachrichtenverlauf war in letzter Zeit spärlich. Und eine App hat mir verraten, dass Du schon lange mal wieder was backen wolltest. Mach’ lieber das und denk’ nicht ans Reisen. Andere Touristen sagen sogar schon ihre Ausflüge ab. Lass’ Du es lieber gleich bleiben.

Auch im Bücherschrank ächzte es nun. Ein Rascheln und dann: Hör’ nicht auf die! Ägypten ist schön. Das Lexikon der sieben Weltwunder erhob seine gewichtige Stimme und begann aus seiner Mitte zu zitieren: Die Pyramiden von Gizeh gehören zu den bekanntesten und gleichzeitig ältesten Bauwerken der Menschheit. Die sollte man schon mal gesehen haben. Und in Indonesien kannst Du bei McDonalds sogar Reis bestellen, krakelte das Buch mit dem unnützen Wissen. Paris ist auch schön, raunte Das Parfüm. Patrick Süskind ließ unsere Geschichte doch nicht umsonst hier beginnen!

Ja, Paris ist wirklich schön, seufzte die Kamera. Da waren wir doch auch schon mal zusammen. Benutz’ mich mal wieder! Nimm’ mich mit. Ich will was erleben, fremde und ferne Orte entdecken. Du doch auch. Sieh’ die Welt wieder öfter durch meine Augen!

Und mich hast Du auch noch nie benutzt, beschwerte sich der schwarze Rucksack. Dabei funkelten seine goldenen Schnallen ärgerlich. Dann setzte er beschwichtigend an: Ein bisschen dunklere Farbe würde Dir auch ganz gut tun, musst ja nicht gleich so wie ich aussehen. Du bist blass um die Nase. Also überleg’ Dir schon mal, was Du mitnehmen willst. Viel passt in mich nicht rein. Nur das Wichtigste. Was ist Dir wichtig?

Jetzt reichte es mir: Hört auf, Euch zu streiten! Ich mag das nicht gerne. Ihr seid doch nur Dinge, was soll das also? Aber danke, dass ihr Euch so um mich sorgt.

Dann faltete ich die Zeitung behutsam zusammen und flüsterte versöhnlich: Ich versteh’ Dich viel besser, wenn ich unterwegs war und was gesehen habe. Die Hintergründe, die Geschichten. Ich will mir doch selbst meine Meinung bilden. Island ist sicher schön. Da will ich auch unbedingt mal hin. Aber eben auch nach Ägypten und Indonesien. Ich kann mich doch hier nicht einschließen, nur weil Du sagst, dass es überall anders unsicher ist. Dann haben diese Leute doch genau das erreicht, was sie wollten. Ein missmutiges Knistern war zu hören.

Zum iPhone sagte ich: Meinen Freunden und der Familie habe ich doch viel mehr zu erzählen, wenn ich auf Reisen war. Manchmal muss man gehen, damit man wiederkommen kann, weißt Du. Und Du musst mich doch begleiten und mir helfen, mit meinen Lieben in Kontakt zu bleiben.

Ich sitze an meinem Schreibtisch. Neben mir ein Globus. Ich streichele seinen runden Bauch, Meridiane ziehen vorbei. Bald werde ich nach Ägypten fliegen. Ich sehe die Wüste und spüre den Sand: Woher kommt eigentlich der Staub an meinen Fingern? Nicht mehr lange und dann bin ich in Indonesien. Ich fühle das Wasser und höre die Wellen. Nicht die Hände werden feucht, sondern die Augen. Meine Welt dreht sich schneller, die Zeit vergeht. Ich werde nie alles sehen können. Wie schade.

VERÖFFENTLICHT IN: DIE WELT AM 29. JANUAR 2016

ELF JAHRE

Du 
hast mir
den Kopf verhext.
Deinetwegen habe ich
auf einen Brief gewartet,
der niemals kam.
Dabei wollte ich
doch einmal
mit dir Zug fahren,
wollte dich
so viel fragen:
Schmecken Bertie Botts Bohnen
manchmal
nach Sehnsucht?
Und kann ein Dementor
auch lieben?
Harry,
du weißt es bestimmt.
Ich wollte
zwischen
den Zeilen lesen,
doch ich konnte mich
für keine
Seite entscheiden.
Ich hätte so gerne
die Augen meiner
oder deiner
Mutter
gehabt.
Aber manchmal
werden Geschichten
leider nicht wahr.
Harry Potter, ich hätte
es dir gerne
persönlich gesagt:
Du bist der

Held meiner Kindheit.

GASTKOMMENTAR: DIE ARMLÄNGE UND DIE ANGST

„Pass’ auf dich auf!“, sagte meine Freundin zu mir. Dann winkte sie noch einmal und machte die Tür hinter sich zu. Ihre Worte hallten in meinem Kopf nach. Wir hatten an dem Abend viel geredet. Auch über Köln. Die Stadt ist per Luftlinie fast 500 Kilometer von Berlin entfernt. Doch die Erschütterung ist auch hier zu spüren. Ich muss an die Frauen denken, die in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof waren. Sie wollten einen schönen Abend verbringen, hatten Vorsätze und Hoffnungen für das neue Jahr. Vielleicht scherzten sie darüber, dass sie sich nicht warm genug angezogen hatten und nun erkälten würden. Lachten. 

Und genau dieses Lachen blieb ihnen im Hals stecken. Plötzlich wurde das alles unwichtig und an seine Stelle trat nackte Überlebensangst. Die verzerrten Schreie, die ich in den Videos gehört habe, lassen mich zusammenzucken. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Es hätte jeden treffen können. Ich hätte auch dort sein können. Dieses Mal konnten die meisten Vergewaltigungen noch verhindert werden, aber was ist beim nächsten Mal? Wird so etwas noch einmal passieren? 

Ich denke an die Asylsuchenden, die ich oft in der Straßenbahn sehe. Würde ich jetzt einem von ihnen begegnen, würde ich wahrscheinlich die Kapuze ins Gesicht ziehen und schneller laufen. Das ist nicht richtig. Sie haben schlimme Schicksale und schreckliche Dinge erlebt. Haben Geschichten zu erzählen, die jeder hören muss. Und sie brauchen unsere Hilfe. Ich bin wütend über das, was diese Männer in Köln mit meinen Gedanken angestellt haben. Doch wenn selbst die Polizei öffentlich zugibt, überfordert gewesen zu sein, fühle ich mich unsicher. Es bilden sich selbsternannte Bürgerwehren, wie in Düsseldorf, um die Frauen zu beschützen. Wird es das bald überall geben?

Was bleibt, ist die Angst. Die Angst, abends alleine unterwegs zu sein. Wenn ich durch die Straßen laufe, sehe ich Schatten, die gar nicht da sind. Und ich bewege mich unwillkürlich schneller. Hier in der Stadt hat sich nichts verändert und doch ist es anders als sonst. Was ist, wenn jetzt jemand kommen würde? Es ist spät, alles ist ruhig. Wer würde mir helfen? Wie könnte ich mir selbst helfen? Als ob eine Armlänge Abstand irgendjemanden von irgendetwas abhalten würde. Ich kann daran nicht glauben. Es kommt mir wie Hohn für die Opfer vor. Viele der Täter werden wohl niemals gefasst werden. Die gestohlenen Handys und Wertgegenstände sind dabei weniger schlimm als die Narben, die bleiben werden. Sie haben die Menschen getroffen.

STERNENSTAUB

| Dunkelheit. Wunderkerzen. Feuerzeug. Kalte Finger. Lachen. Sekt. Mitternacht. |

SILVESTER

Wir tanzen
trunken 
vor Glück
durch die Nacht
und greifen
nach den Sternen.
Früher hat uns
fast jeden Abend
unsere Mutter
den Nachthimmel erklärt.
Doch damals wussten wir
noch nicht, dass
im Weltall 
die Wolken
aus Alkohol sind.
Sonne, Mond und Sterne.
Ich seh’ euch nur selten
zusammen da oben.
Sagt mir: Wie wird
das nächste Jahr?
Wen werde ich vermissen,
den ich noch nicht kenne?
Wen werde ich vergessen,
der mir jetzt wichtig ist?
Stumm
blicken die Gestirne auf den Horizont herab.
Dort glitzern
deine Farben
in der Dunkelheit
und schreiben unsere Zahl:

Zweitausendsechzehn.

SO BRACHTE ICH MEINER MUTTER WHATSAPP BEI

„Kannst du das hier lesen? Wenn ja, antworte mir mal bitte!“ Das war die erste WhatsApp-Nachricht meiner Mutter. Abends um 23.24 Uhr.
Fünf Minuten später antwortete ich ihr: „Ich bin stolz auf dich!“ Und das war ich wirklich, denn: So einfach, wie das jetzt klingt, war es gar nicht. Zuerst musste ich ihr nämlich ihr halbes Telefon erklären.
Nicht, dass sie es nicht versucht hätte. Die Bedienungsanleitung lag noch aufgeschlagen auf dem Tisch. Sie blickte zwischen ihr und mir hilfesuchend hin und her und sagte: „Bitte frag nicht, wie ich das geschafft hab. Aber das ist hier jetzt alles auf Englisch und ich komme nicht weiter.“ Die Sprache wieder umzustellen, war nicht das Problem. Schließlich hatten wir beide noch Glück: Es hätte auch Chinesisch sein können. Schwieriger war es, ihre vielen Fragen zu beantworten.
„Und wie mache ich das jetzt, dass ich mit dir schreiben kann?“ – „Dafür brauchst du eine App. Sie heißt WhatsApp.“ Kurze, einfach Sätze. So hat sie schließlich auch angefangen, mit mir zu reden. „Und wo bekomme ich die her?“ – „Das geht ganz schnell. GooglePlay-Store öffnen, Namen der App eingeben, downloaden, warten. Und dann öffnen.“
Als ich von ihrem Smartphone aufblicke, sehe ich, wie sie auf einem Block eifrig mitschreibt. „Wie schreibt man App? Und kannst du mir das noch mal zeigen, diesmal ein bisschen langsamer?“
„Na klar, Mama.“ Schließlich bin ich auch ein paar Mal hingefallen, bevor ich richtig laufen konnte.
„So, und wie kann ich dir jetzt schreiben?“ Zeit für ein bisschen Selbstständigkeit: „Wie auf deinem Computer gibt es auch hier eine Funktion, die sich Google nennt. Dort gibst du jetzt ein: ‚Kontakt zu WhatsApp hinzufügen.‘ Und wenn du schon dabei bist, guck doch auch gleich mal nach ‚Emojis‘. Ich geh jetzt ins Bett. Du schaffst das schon.“ Sie hat es tatsächlich geschafft.
Schon nach einer Viertelstunde konnte sie in der digitalen Welt ihre ersten Schritte ganz allein gehen. Ich habe dafür in der richtigen Welt Monate gebraucht.
Doch das mit den Emojis hätte ich ihr lieber nicht so früh sagen sollen. Seitdem gibt es keine Nachricht, die nicht mindestens drei Emojis enthält. Besonders beliebt: das Gespenst.
Am nächsten Morgen hatte sich zwischen die Nachrichten meiner Freunde auch eine meiner Mutter geschlichen: „Hi Süsse (lächelnder Smiley) Wollte gucken, ob es noch geht. (lachender Smiley, pinkes Herz, Zunge)“ Meine Antwort: „Und ich erkläre dir nachher mal, wie du ein ‚ß‘ hinbekommst . . .“ Ihre Antwort: „Po“. Dann: „sorry. Da war der Finger wohl zu schnell. sollte okay werden und ich wollte korrigieren. Schwups war’s weg. (lachender Smiley)“ Da habe ich mich gefragt, wie es sich wohl angehört hätte, wenn meine ersten Sprechversuche gleich von einer Autokorrektur verbessert worden wären. Abends habe ich ihr dann noch das mit dem ‚ß‘ erklärt und in nur 24 Stunden wurde sie in der digitalen Welt überlebensfähig. Oder anders gesagt: erwachsen.
Für mich war es selbstverständlich, meiner Mutter zu helfen. Denn sie war genauso hilflos, wie ich es am Anfang war. Ich kann die Menschen nicht verstehen, die sich über ihre vermeintlich „dummen“ Eltern beschweren, die „mal wieder nichts auf die Reihe bekommen“.
Dann sollten wir uns einmal fragen, wo wir ohne sie wären. Ohne die vielen Stunden, in denen sie uns zugehört und die Dinge erklärt haben. Außerdem verbringe ich schon so zu wenig Zeit mit ihr. Und vielleicht sage ich das auch, weil ich mir insgeheim wünsche, dass meine Kinder später einmal genauso denken. Wer weiß schon, was für Technik es in 30, 40, 50 Jahren geben wird.
Und welche Fragen ich dann haben werde.

VERÖFFENTLICHT IN: BILD AM SONNTAG AM 13. SEPTEMBER 2015

FORMLOS

Ihr Körper ist ein Gebirge-
von Höhen und Tiefen durchzogen.
Mit Abgründen,
die sie selbst nicht
abzuschätzen vermag,
in denen sie
sich selbst verlieren kann.
Manche Gletscher
müssen erst auftauen,
damit die Schätze dahinter
zum Vorschein kommen
können. Einige Täler und Gipfel
werden vielleicht nie
erschlossen werden,
weil dort ewiges Eis
herrscht und
sich niemand die Mühe macht,
bis dorthin vorzudringen.
Keine Hacke und keine Schaufel
werden dort jemals
mit dem Boden
in Berührung kommen,
obwohl er
doch zu einem
der fruchtbarsten zählt.

– Was für eine Verschwendung!
Wo bleiben die Entdecker,
die Forscher, die Abenteurer?


Gewinn beim Bundeswettbewerb „lyrix” im August 2015

VERMISST DU MICH SO WIE ICH DICH?


| Nightfever in der Peter-und-Paul-Kirche Potsdam |

MASKENBALL

| Fanny, Felicitas und Johanna |
Erstes Bild: Gewinn beim HOLLY-Fotowettbewerb von buecher.de im März 2015

DER KAKTUS

In einem Garten blühen viele verschiedene Blumen. Ein Mann darf sich eine davon aussuchen und muss versprechen, sich gut um sie zu kümmern. Dann gibt der Gärtner ihm einen Topf und gemeinsam betreten sie eine Wiese durch ein großes Tor. Von dort kann er schon die große Auswahl erahnen, für jeden soll etwas dabei sein. Auf dem ersten Beet wachsen Gänseblümchen, die Blütenblätter leuchten in einem unschuldigen Weiß. „Nein, ich kann mich doch noch nicht entscheiden, bevor ich nicht alles gesehen habe“, sagt er. Also gehen sie den gewundenen Weg weiter, der Sand knirscht unter den Schuhen und die Blumen neigen ihre Köpfe im Wind. Vor einem Beet mit kleinen, zartblauen Blümchen bleibt der Mann erneut stehen. „Diese hier erinnern mich an Pflanzen, die ich einmal sehr mochte. Ich weiß nur nicht mehr, wie sie heißen.“ – „Es sind Vergissmeinnicht“, erklärt ihm der Gärtner mit einem Lächeln. „Ja, das stimmt. Jetzt erinnere ich mich wieder. Ich fand sie damals schön, aber es hat wohl Gründe gegeben, dass ich sie vergessen habe. Gibt es hier noch andere Blumen?“ So gehen sie weiter und schon bald entdeckt der Mann ein etwas abseits gelegenes Beet, das von Steinen gesäumt wird. Zufrieden lächelt der Gärtner und denkt sich: Viele Menschen beachten diese Pflanzen gar nicht und laufen einfach weiter. Vielleicht ist er ja anders und weiß sie zu würdigen. Dann deutet er mit dem Finger auf die Kakteen vor ihnen und sagt: „Sie brauchen zwar mehr Geduld und Aufmerksamkeit als andere, dafür tragen sie auch besonders schöne Blüten.“ Für einen Moment ist der Mann von den Blumen fasziniert, denn solche hat er noch nie zuvor in seinem Leben gesehen. Das Unbekannte an ihnen reizt ihn. Doch dann weht der Wind einen betörend süßen Duft herüber und der Mann dreht sich um. Sein Blick fällt auf die Rosen, deren Schönheit ihn sogleich anzieht- wie schon viele seiner Vorgänger. Vor ihrem Beet bleibt er stehen und sagt: „Davon will ich eine!“ – „Sind Sie sich da sicher? Gerade eben haben Ihnen die Kakteen doch auch noch gefallen.“ Darauf erwidert der Mann nur: „Bei den Rosen kann ich wenigstens die Dornen entfernen, um sie besser anfassen und festhalten zu können. Doch was soll ich da bei so einem Kaktus machen?- Was ist der schon ohne Stacheln? Und woher weiß ich, dass er auch wirklich aufblüht? Nein, das ist mir dann doch zu kompliziert.“ Enttäuscht nimmt der Gärtner eine Schaufel und gräbt behutsam eine der Rosen aus, steckt sie in den Blumentopf des Mannes und bedeckt sie mit etwas Erde. Dann geht er zurück zum Eingang, wo schon der nächste auf ihn wartet.

WENN ICH EINE MEERJUNGFRAU WÄRE…

| Ein Tag in Venedig | 1, 2 Hafen | 3 Tauben auf dem Markusplatz | 4 Canal Grande |

UNBESCHRIEBEN

Ich sitze hier.
Es wird von mir erwartet,
ein leeres Blatt zu füllen.
Mit Gedanken.
Schön, poetisch, liebevoll.

Doch ich fürchte,
es wird leer bleiben.
Ich allein vermag es nicht.
Meine Gedanken:
Hässlich, unpoetisch, lieblos.

VIEL NACHDENKEN

Die Weihnachtszeit ist schön. Der Duft von frischen Plätzchen liegt in der Luft und erfüllt mich mit Glück. Es riecht nach gebrannten Mandeln, Zimt und anderen Gewürzen. Wie in einer Weihnachtsbäckerei aus einem alten Kinderlied. Erinnerungen an eine andere, längst vergangene Zeit holen mich ein: Wie oft haben Mama und ich früher im Advent zusammen gebacken... Das Schönste für mich als Kind ist das Essen des Teiges gewesen und später, wenn noch etwas übrig war, das Verputzen der liebevoll verzierten Lebkuchenfiguren.
Seltsam, dass ich jetzt schon darauf zurückblicke, obwohl meine ganze Zukunft noch vor mir liegt. Dennoch frage ich mich auch oft, was später einmal sein wird. Wird mein Traum in Erfüllung gehen, dass ich Journalistin werde? Werde ich heiraten, Kinder bekommen und ein Haus haben? Oder wird es völlig anders sein, als ich es mir vorstelle? Vielleicht werden Dinge geschehen, die ich im Moment nicht einmal erahnen kann. Ich könnte reich und berühmt sein. Oder arm. Vielleicht auch beides?
Die Vorweihnachtszeit ist wohl auch die Zeit der Besinnlichkeit. In keinem anderen Monat denkt man so viel nach wie im Dezember. Jahresrückblicke laufen im Fernsehen – und ich frage mich wieder einmal, wo dieses Jahr geblieben ist. Die Zukunft wird wahrscheinlich doch schneller in der Gegenwart sein, als mir lieb ist. Der Lebkuchen-Keks knackt in meinem Mund und draußen wird es immer kälter. Ich frage mich, wann es endlich schneit ...

VERÖFFENTLICHT IN: POTSDAMER NEUESTE NACHRICHTEN AM 08. DEZEMBER 2011