FACEBOOK BRAUCHT KEINE GEFÜHLE

Ist es nicht absurd und irgendwie auch skurril, dass wir genau das, was uns von anderen Lebewesen unterscheidet, immer weiter aufgeben? Die Fähigkeit, uns und damit auch unsere Gefühle und Empfindungen zu artikulieren. Wir reden nicht mehr miteinander, schreiben nur noch in monotonen Schriftarten, durchbrochen von Großbuchstaben und einzelnen Satzzeichen. !!!11!!

Deshalb hat Facebook jetzt neben dem „Gefällt mir“ fünf weitere Emotionen eingeführt: Liebe, Erstaunen, Traurigkeit, Wut, Freude. Schon Hermine Granger sagte im fünften Harry Potter-Teil zu Ron Weasley: „Dein Gefühlsreichtum passt ja auf einen Teelöffel.“ Das tut der von Facebook wirklich.

Als ob virtuelles Mitleid irgendetwas besser machen würde. Oder virtuelle Wut. Es lässt die Menschen doch nur noch mehr abstumpfen gegenüber all dem Schrecklichen und Traurigen, das jeden Tag passiert. Früher haben die Menschen wenigstens gespendet, um Mitgefühl auszudrücken und ihr Gewissen zu beruhigen. Nun zeigen sie es durch einen Button und lassen ein gelbes Gesicht für sich sprechen. Sie sehen die allgemeine, vorgefertigte Meinung und müssen sie nur annehmen.

Wir emojisieren unser Leben. Es gibt kein Gebiet mehr, das sie nicht beschreiben können: Fußball-Spiele. Die Weihnachtsgeschichte. Sexpositionen. Die meistgelesenen Beiträge auf vielen Websites sind: „Diese Emojis haben Sie bislang falsch verwendet“ und „Das bedeuten sie wirklich.“

Emotionen statt Emojis

Facebook tut nicht gut daran, denn je mehr Gefühle es zulässt, desto verletzbarer macht es sich oder in diesem Fall: seine Nutzer. Das ist dann wie im richtigen Leben, nur schlimmer. Cybermobbing wird noch einfacher: Fotos und Beiträge werden mit „wütend“ oder „traurig“ markiert. Messer sind verboten, deshalb werden Worte benutzt und nun nicht mal mehr die. Wenn man keine Narben sieht, sind schließlich auch keine da.

Oder warum zeigt er oder sie kein Herz, sondern nur einen Daumen? Gefalle ich ihr oder ihm nicht mehr? Die einzige Erklärung ist hoffentlich, dass der andere nicht so viel Zeit auf Facebook verschwendet und schlicht noch nicht weiß, wo er jetzt besser nicht lange seine Maus draufhalten sollte.

Das soziale Netzwerk weiß genau, was seine jungen Nutzer brauchen. So kam doch erst kürzlich der Geheimcode zum Schachspielen ans Licht. Geduld ist wichtig. Nicht nur beim Schach, sondern auch bei Facebook. Wenn man stunden-, ja manchmal tagelang auf eine Antwort warten muss. Es hat unsere Kommunikation zerstört und will uns nun dafür entschädigen

Es sagt öfter „Guten Abend“ und fragt häufiger „Wie geht es Dir?“ und „Was machst Du gerade?“ als so mancher „Freund“ in der Freundesliste. Hätte es „Kontakt“ oder „Bekannter“ nicht auch getan? Für alle richtigen Freunde braucht man doch eh kein Netzwerk, sondern Zeit.

Reden statt schreiben

Facebook macht Beziehungen, Kontakte und Freundschaften kaputt. Es gibt Apps, die einem zeigen, wer einen aus seinem Leben gelöscht hat. Das will man doch gar nicht wissen. In jedem Fall ist das dann eh für alle Beteiligten besser.

Wir sollten uns nicht mehr hinter Zeichen und Bildschirmen verstecken. Sollten weniger wahllos irgendwelche Bilder liken, sondern lieber wieder persönliche und ernst gemeinte Komplimente machen. Dazu müssen wir nach draußen gehen und persönlich miteinander reden. Kaffee trinken, essen gehen. Cafés, Bars und Restaurants sollten das WLAN ausschalten und wir sollten ihnen dafür dankbar sein.

Durch Mimik und Gestik kann man oft mehr ausdrücken als jemand, der einen noch nicht so gut kennt, zwischen den Zeilen erkennen kann. So würden wir nicht nur Missverständnissen vorbeugen, sondern auch etwas für unsere Gesundheit tun. Mindestens Augen und Rücken werden sich bedanken.

Wir müssen raus aus der blauen Facebook-Welt. Wir sind inzwischen selbst alle blau. Benommen, müssen ausnüchtern vom Rausch der Aufmerksamkeit.

VERÖFFENTLICHT IN MEINER KOLUMNE "KLEBE-NOTIZEN" AUF WWW.BILANZ.DE AM 02. MÄRZ 2016

Kommentare:

  1. Witzigerweise habe ich weder meinen Freund noch meine besten Freunde in Facebook. Manche davon schon, aber wir reden gar nie über das Soziale Netzwerk :D Daher merke ich persönlich nichts davon, dass es bei mir etwas kaputt macht. Manche Leute sorgen durch ihre Updates nur dafür, dass ich sie wirklich widerlich finde :/

    Liebe Grüße
    http://hydrogenperoxid.net

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  2. Schöner Text! Das ist ja eine doofe Neuerung... ich hab das bisher ganz verpasst, weil ich sicher ein Jahr nicht mehr auf Facebook war. Alle paar Monate guck ich mal in mein Konto, ob ich auch keine Nachricht verpasst habe, aber die sind dann eh meistens veraltet =)

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  3. du hast so recht. durch die kommunikation im WWW stirbt die eigentliche kommunikation aus und die menschen werden gefühlskalter. und die kommunikation via facebook, messenger, whatsapp und sonstigem bietet auch sprengstoff und möglichkeiten des missverständnisses. wenn eben nicht die bereits angesprochenen emojis verwendet werden. ich bin aber auch eher für die persönliche kommunikation. facebook ist für mich eigentlich nur ein mittel und weg, mit menschen vermehrt in verbindung zu bleiben, mit denen ich ansonsten weniger kontakt hätte - verwandten in der ganzen welt z.B. außerdem nutze ich es als werbefläche, wofür es aber auch eine gute sache ist. aber nichts geht über echte kommunikation!

    lg
    dahi

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  4. Wirklich sehr sehr gut geschrieben und ich kann dir nur zustimmen. Die echten Freunde und Emotionen sind doch auch schon lange nur noch außerhalb von Facebook und waren es eigentlich schon immer.
    Liebe Grüße, Mona

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  5. Mir gefällt die Neuerung auch ganz und gar nicht. Bisher gab es nur "gefällt mir" und das war auch gut so. Nun wird es noch leichter sein Leute fertig zu machen. Ich denke da vor allem an Cybermobbing und Co. Einen Text schreiben kostet mehr Mut als einfach auf einen Button zu drücken.
    Sehr schade.

    Liebe Grüße
    Laura

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  6. Als ich zum ersten Mal von der Facebook-Erweiterung gehört habe, dachte ich, die wollen mich verarschen. Es gibt so viele Dinge, die die Welt absolut nicht braucht und das ist eins davon.
    Leider machen wir uns viel zu sehr von dem abhängig, was andere von uns denken. Auch wenn wir sie nur flüchtig kennen und eben bei Facebook "befreundet" sind. Aber die Meinung genau dieser Leute wird für uns durch soziale Netzwerke plötzlich wichtig für uns. Völlig Banane, wenn man da mal länger drüber nachdenkt.
    Hach, wie schön waren noch die Zeiten, als man einfach bei der Freundin an der Tür geklingelt hat und man zum Spielen raus gegangen ist, oder sich zum stundenlangen Quatschen auf die Wiese gesetzt hat. Einfach so. Und ganz ohne dabei Fotos zu machen, um sie online Leuten zu zeigen, deren Meinung uns im Grunde egal sein sollte.

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