GASTKOMMENTAR: DIE ARMLÄNGE UND DIE ANGST

„Pass’ auf dich auf!“, sagte meine Freundin zu mir. Dann winkte sie noch einmal und machte die Tür hinter sich zu. Ihre Worte hallten in meinem Kopf nach. Wir hatten an dem Abend viel geredet. Auch über Köln. Die Stadt ist per Luftlinie fast 500 Kilometer von Berlin entfernt. Doch die Erschütterung ist auch hier zu spüren. Ich muss an die Frauen denken, die in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof waren. Sie wollten einen schönen Abend verbringen, hatten Vorsätze und Hoffnungen für das neue Jahr. Vielleicht scherzten sie darüber, dass sie sich nicht warm genug angezogen hatten und nun erkälten würden. Lachten. 

Und genau dieses Lachen blieb ihnen im Hals stecken. Plötzlich wurde das alles unwichtig und an seine Stelle trat nackte Überlebensangst. Die verzerrten Schreie, die ich in den Videos gehört habe, lassen mich zusammenzucken. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Es hätte jeden treffen können. Ich hätte auch dort sein können. Dieses Mal konnten die meisten Vergewaltigungen noch verhindert werden, aber was ist beim nächsten Mal? Wird so etwas noch einmal passieren? 

Ich denke an die Asylsuchenden, die ich oft in der Straßenbahn sehe. Würde ich jetzt einem von ihnen begegnen, würde ich wahrscheinlich die Kapuze ins Gesicht ziehen und schneller laufen. Das ist nicht richtig. Sie haben schlimme Schicksale und schreckliche Dinge erlebt. Haben Geschichten zu erzählen, die jeder hören muss. Und sie brauchen unsere Hilfe. Ich bin wütend über das, was diese Männer in Köln mit meinen Gedanken angestellt haben. Doch wenn selbst die Polizei öffentlich zugibt, überfordert gewesen zu sein, fühle ich mich unsicher. Es bilden sich selbsternannte Bürgerwehren, wie in Düsseldorf, um die Frauen zu beschützen. Wird es das bald überall geben?

Was bleibt, ist die Angst. Die Angst, abends alleine unterwegs zu sein. Wenn ich durch die Straßen laufe, sehe ich Schatten, die gar nicht da sind. Und ich bewege mich unwillkürlich schneller. Hier in der Stadt hat sich nichts verändert und doch ist es anders als sonst. Was ist, wenn jetzt jemand kommen würde? Es ist spät, alles ist ruhig. Wer würde mir helfen? Wie könnte ich mir selbst helfen? Als ob eine Armlänge Abstand irgendjemanden von irgendetwas abhalten würde. Ich kann daran nicht glauben. Es kommt mir wie Hohn für die Opfer vor. Viele der Täter werden wohl niemals gefasst werden. Die gestohlenen Handys und Wertgegenstände sind dabei weniger schlimm als die Narben, die bleiben werden. Sie haben die Menschen getroffen.

Kommentare:

  1. Du hast vollkommen recht. Früher hatte ich irgendwie nicht so Angst wie heute.
    Ich bin froh, wenn ich nicht laufen muss, sondern abgeholt werde oder gar selbst mit dem Auto fahre. Den Weg zur Arbeit im dunklen erspart mir aber niemand...

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  2. Besser hätte ich es selbst nicht zusammenfassen können! Habe schon lange Angst, alleine noch irgendwohin zu gehen!
    Liebe Grüße
    Natascha von www.fly-birds.blogspot.de

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  3. Ich bin auch jeden Tag mit der Bahn unterwegs, aber komischerweise hat der Vorfall in Köln mir nicht wirklich (mehr) Angst gemacht. Nach 21 Uhr fahre ich sowieso nicht mehr alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder laufe alleine draußen rum. Ich scanne immer die Menge und begebe mich unter Umständen schnell woanders hin.
    Trotzdem hatte ich schon blöde Situationen (z.B. hat sich mal ein Mann einen runter geholt als er mir in der Bahn gegenüber saß), aber das waren immer Deutsche.

    Vorsicht ist auf jeden Fall angebracht, aber keine Angst!

    Liebe Grüße, Patricia
    www.rebelrosefashion.com

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  4. Bei uns in der Stadt hat sich jetzt tatsächlich eine Bürgerwehr gebildet o.O
    Ich meine, klar, die Politik muss einfach stärker auftreten. Kensoquenzen müssen schneller gezogen werden und dann auch realisiert werden. Aber guck einfach mal, was die Menschen fabrizieren, wenn das nicht der Fall iost. Bürgerwehr.
    Sobald irgendeinem Deppen "etwas verdächtiges" auffällt, soll sie zur Stelle sein. Ja klar. Puh, ich kann mich so über das Ganze aufregen.

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  5. Du hast mich mit deinem Text wirklich zum Nachdenken gebracht!
    Natürlich hast du Recht damit, dass die Geschichten der Asylsuchenden wichtig sind und man nicht zu vorschnell Vorurteile fällen sollte, aber in Zeiten wie diesen, wo soviel gleichzeitig passiert und sich verändert, ist es schwer nicht ein bisschen paranoid zu werden.
    Ich stimme Patricia zu, dass wir vorsichtig sein sollten, aber nicht ängstlich :)
    Du schreibst wirklich toll, ich bin richtig neidisch!

    Liebe Grüße
    Helena
    http://bluelionne.blogspot.de/

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  6. Ein wirklich schöner Text.
    Es ist toll mal wieder einen Blog zu lesen und nicht nur durch Bilder zu scrollen ...

    Liebst
    Justine
    http://www.justinewynnegacy.de/

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