WARUM WIR REISEN SOLLTEN. GERADE JETZT

Ich habe mir vor Kurzem einen Globus gekauft. Meine eigene kleine Welt. Ich kann bestimmen, wie schnell sie sich dreht. Und auch die Richtung. Er war zuerst nur als Dekoration gedacht. Für meinen Schreibtisch. Doch dann kamen wir uns näher. Unsere Beziehung wurde inniger als abgemacht. Er flüsterte: Hast Du nicht Sehnsucht? Wo willst Du hin? Ich zeige Dir alles. Kann nur nicht mit. Dann ging ich in meinem Zimmer auf und ab und merkte: Er hat Recht, der Globus. Ich nahm ihn in den Arm und erfuhr: Er kommt aus Taiwan. Hat wohl also auch noch nicht die Welt gesehen. Aber immerhin mehr als ich. Das will ich ändern.

Ja, bist Du denn wahnsinnig?, schrie da die Zeitung. Hast Du mich denn kein bisschen aufmerksam in der letzten Zeit gelesen? 147 Tote in Paris im vergangenen Jahr, Anschläge auf Hotels in Burkina Faso. 10 Tote und 15 Verletze in Istanbul. Das Attentat in Indonesien. Willst Du noch mehr hören? Was brauchst Du denn noch? Dort bist Du nicht mehr sicher. Dann meldeten sich auch die einzelnen Ressorts zu Wort: Vielleicht gefällt Dir ja Island?, fragte der Ratgeber. Aber da sind auch Vulkane, mahnte das Wissen. Bleib’ lieber hier, bei uns. Und guck’ mal, sagte die Politik: Über eine Million Menschen kamen im letzten Jahr nach Deutschland. Die wollen alle hierher. Hier ist es schön. Warum also willst Du nicht bleiben?

Die Zeitung hat Recht, stimmte auch das iPhone mit ein. Und bedenke: Unterwegs kann Dir auch schon so viel passieren. Die Nachrichten-App zeigte mir die Schlagzeilen der letzten Zeit: Mann stößt 20-Jährige vor Berliner U-Bahn und tötet sie. Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof. Absturz in Ägypten: Flugzeug brach in der Luft auseinander. Flugzeugabsturz in den Alpen. Ich kann Dir noch die Bilder zeigen. Aber willst Du das wirklich? Lass’ uns mal wieder was Schönes zusammen machen. Ruf’ doch Deine Mama oder Deinen besten Freund an. Euer Nachrichtenverlauf war in letzter Zeit spärlich. Und eine App hat mir verraten, dass Du schon lange mal wieder was backen wolltest. Mach’ lieber das und denk’ nicht ans Reisen. Andere Touristen sagen sogar schon ihre Ausflüge ab. Lass’ Du es lieber gleich bleiben.

Auch im Bücherschrank ächzte es nun. Ein Rascheln und dann: Hör’ nicht auf die! Ägypten ist schön. Das Lexikon der sieben Weltwunder erhob seine gewichtige Stimme und begann aus seiner Mitte zu zitieren: Die Pyramiden von Gizeh gehören zu den bekanntesten und gleichzeitig ältesten Bauwerken der Menschheit. Die sollte man schon mal gesehen haben. Und in Indonesien kannst Du bei McDonalds sogar Reis bestellen, krakelte das Buch mit dem unnützen Wissen. Paris ist auch schön, raunte Das Parfüm. Patrick Süskind ließ unsere Geschichte doch nicht umsonst hier beginnen!

Ja, Paris ist wirklich schön, seufzte die Kamera. Da waren wir doch auch schon mal zusammen. Benutz’ mich mal wieder! Nimm’ mich mit. Ich will was erleben, fremde und ferne Orte entdecken. Du doch auch. Sieh’ die Welt wieder öfter durch meine Augen!

Und mich hast Du auch noch nie benutzt, beschwerte sich der schwarze Rucksack. Dabei funkelten seine goldenen Schnallen ärgerlich. Dann setzte er beschwichtigend an: Ein bisschen dunklere Farbe würde Dir auch ganz gut tun, musst ja nicht gleich so wie ich aussehen. Du bist blass um die Nase. Also überleg’ Dir schon mal, was Du mitnehmen willst. Viel passt in mich nicht rein. Nur das Wichtigste. Was ist Dir wichtig?

Jetzt reichte es mir: Hört auf, Euch zu streiten! Ich mag das nicht gerne. Ihr seid doch nur Dinge, was soll das also? Aber danke, dass ihr Euch so um mich sorgt.

Dann faltete ich die Zeitung behutsam zusammen und flüsterte versöhnlich: Ich versteh’ Dich viel besser, wenn ich unterwegs war und was gesehen habe. Die Hintergründe, die Geschichten. Ich will mir doch selbst meine Meinung bilden. Island ist sicher schön. Da will ich auch unbedingt mal hin. Aber eben auch nach Ägypten und Indonesien. Ich kann mich doch hier nicht einschließen, nur weil Du sagst, dass es überall anders unsicher ist. Dann haben diese Leute doch genau das erreicht, was sie wollten. Ein missmutiges Knistern war zu hören.

Zum iPhone sagte ich: Meinen Freunden und der Familie habe ich doch viel mehr zu erzählen, wenn ich auf Reisen war. Manchmal muss man gehen, damit man wiederkommen kann, weißt Du. Und Du musst mich doch begleiten und mir helfen, mit meinen Lieben in Kontakt zu bleiben.

Ich sitze an meinem Schreibtisch. Neben mir ein Globus. Ich streichele seinen runden Bauch, Meridiane ziehen vorbei. Bald werde ich nach Ägypten fliegen. Ich sehe die Wüste und spüre den Sand: Woher kommt eigentlich der Staub an meinen Fingern? Nicht mehr lange und dann bin ich in Indonesien. Ich fühle das Wasser und höre die Wellen. Nicht die Hände werden feucht, sondern die Augen. Meine Welt dreht sich schneller, die Zeit vergeht. Ich werde nie alles sehen können. Wie schade.

VERÖFFENTLICHT IN: DIE WELT AM 29. JANUAR 2016

Kommentare:

  1. Wow, sehr schöner Schreibstil! Traurig was momentan alles so passiert..
    Liebe Grüße

    http://wearthatice.blogspot.de/

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  2. Sehr schön geschrieben. Ich bin auch ein großer Reisefan und vor allem aktuell finde ich es besonders wichtig. Sind wir doch ehrlich, egal wohin man geht oder ob man vor ort bleibt. Passieren kann immer irgendetwas. Davon sollte man sich nicht einschüchtern lassen.

    Viele liebe Grüße
    http://hydrogenperoxid.net

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  3. "Wenn man fürs reisen nichts zahlen müsste, wäre ich 24 Stunden unterwegs"
    Das ist mein Lieblingsspruch... Du hast es einfach gut beschrieben. Der Text ist wundervoll!

    Lots of Love, Dilan from  DILANERGUL

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  4. Ich denke Attentate können zur Zeit leider überall passieren.Es ist völlig egal ob in Paris oder bei uns um die Ecke. Verstecken hilft da leider auch nicht weiter, dann haben die Attentäter das erreicht, was sie wollen :-(.
    Liebe Grüße
    http://www.instylequeen.de/

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  5. toller text. es ist wirklich traurig wie die ganzen umstände einen irgendwie ja doch vom reisen abhalten wollen. ich liebe reisen, egal ob meer, berge, wälder, städte... und am liebsten würde ich überall hin, in so gut wie jedes land der welt - nur leider gibt es ja momentan doch nicht so unbeträchtliche gründe, die die aktuelle auswahl einschränken... das ist schade. unsere großeltern sind noch mit dem auto von ägypten nach frankreich gefahren und konnten das mit so viel weniger „angst“ erleben als wir heutzutage...
    liebst, laura

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  6. Aber manchmal denke ich auch, dass die Welt so klein ist im Gegensatz zu dem, was die Sterne uns noch zeigen.

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  7. Sehr schön geschreiben! Ich lasse mich allerdings nicht von all den Schlagzeilen von meiner Reiselust abhalten und fliege im März für vier Wochen nach Malaysia. Wenn etwas passieren soll, passiert es auch hier und man wird auf dem Weg zur Uni überfahren o.ä. Ich glaube, da sollte man sich nicht zurückhalten lassen :)

    Liebe Grüße,
    Kiamisu

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  8. Ein sehr schöner Beitrag! Ich überlege auch gerade, wohin mein nächster Urlaub gehen soll...
    Liebe Grüße,
    Marie <3

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  9. Schöner Beitrag, echt toll geschrieben!
    Ich finde auch man sollte sich von all den Dingen die passiert sind nicht vom Reisen abhalten lassen, es kann schließlich jeder zeit überall passieren, auch vor der Haustür, aufm weg zum Supermarkt, beim Shoppen, arbeiten oder sonst wo

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  10. Schöner Beitrag, das weckt richtig Fernweh! :) Natürlich schadet es nicht, vorsichtig zu sein, aber sich das Reisen verbieten zu lassen, geht auf keinen Fall! <3
    Liebe Grüße,
    Missi von Himmelsblau

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  11. Da kommt das Fernweh wieder hoch:) Ich wünsche Dir eine tolle Reise nach Ägypten:)

    Liebe Grüße
    Laura

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  12. Ich gebe dir total recht - man muss reisen, egal was geschieht!! Genau deswegen gehts für mich bald auf Weltreise!
    Dein Text ist so toll :)
    Liebe Grüße
    Vicky

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  13. Ein wundervoller Beitrag über die Ängste und Sorgen die man sich macht & von denen man sich doch lösen sollte. Toll geschrieben!

    Liebe Grüße,
    Lisa von wuestenfuchs

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  14. Ein wundervoller Post und teilweise sehr traurig. Schade, dass man nie alles sehen wird. Aber man kann versuchen, dass zu sehen was einem am wichtigsten ist. Auf keinen Fall darf man sich unterkriegen lassen.
    Liebe Grüße, Michelle von beautifulfairy

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  15. Wirklich ganz wundervoll geschrieben. So wahr, so traurig und doch so wunderschön.
    Liebe Grüße, Mona von Belle Mélange

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  16. Ich bin total begeistert von deinen Worten. Das hast so perfekt beschrieben. Die Medien machen einen doch ganz verrückt, dabei ist die Welt so wunderschön. Ich hab einige Orte in der Welt gesehen und bekomme ich nicht gut. Ich habe Dauer-Fernweh ;) wir sollten alle Reisen!
    Liebe Grüße Lamia
    http://lamiasfashiondiary.blogspot.de/

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