DER KAKTUS

In einem Garten blühen viele verschiedene Blumen. Ein Mann darf sich eine davon aussuchen und muss versprechen, sich gut um sie zu kümmern. Dann gibt der Gärtner ihm einen Topf und gemeinsam betreten sie eine Wiese durch ein großes Tor. Von dort kann er schon die große Auswahl erahnen, für jeden soll etwas dabei sein. Auf dem ersten Beet wachsen Gänseblümchen, die Blütenblätter leuchten in einem unschuldigen Weiß. „Nein, ich kann mich doch noch nicht entscheiden, bevor ich nicht alles gesehen habe“, sagt er. Also gehen sie den gewundenen Weg weiter, der Sand knirscht unter den Schuhen und die Blumen neigen ihre Köpfe im Wind. Vor einem Beet mit kleinen, zartblauen Blümchen bleibt der Mann erneut stehen. „Diese hier erinnern mich an Pflanzen, die ich einmal sehr mochte. Ich weiß nur nicht mehr, wie sie heißen.“ – „Es sind Vergissmeinnicht“, erklärt ihm der Gärtner mit einem Lächeln. „Ja, das stimmt. Jetzt erinnere ich mich wieder. Ich fand sie damals schön, aber es hat wohl Gründe gegeben, dass ich sie vergessen habe. Gibt es hier noch andere Blumen?“ So gehen sie weiter und schon bald entdeckt der Mann ein etwas abseits gelegenes Beet, das von Steinen gesäumt wird. Zufrieden lächelt der Gärtner und denkt sich: Viele Menschen beachten diese Pflanzen gar nicht und laufen einfach weiter. Vielleicht ist er ja anders und weiß sie zu würdigen. Dann deutet er mit dem Finger auf die Kakteen vor ihnen und sagt: „Sie brauchen zwar mehr Geduld und Aufmerksamkeit als andere, dafür tragen sie auch besonders schöne Blüten.“ Für einen Moment ist der Mann von den Blumen fasziniert, denn solche hat er noch nie zuvor in seinem Leben gesehen. Das Unbekannte an ihnen reizt ihn. Doch dann weht der Wind einen betörend süßen Duft herüber und der Mann dreht sich um. Sein Blick fällt auf die Rosen, deren Schönheit ihn sogleich anzieht- wie schon viele seiner Vorgänger. Vor ihrem Beet bleibt er stehen und sagt: „Davon will ich eine!“ – „Sind Sie sich da sicher? Gerade eben haben Ihnen die Kakteen doch auch noch gefallen.“ Darauf erwidert der Mann nur: „Bei den Rosen kann ich wenigstens die Dornen entfernen, um sie besser anfassen und festhalten zu können. Doch was soll ich da bei so einem Kaktus machen?- Was ist der schon ohne Stacheln? Und woher weiß ich, dass er auch wirklich aufblüht? Nein, das ist mir dann doch zu kompliziert.“ Enttäuscht nimmt der Gärtner eine Schaufel und gräbt behutsam eine der Rosen aus, steckt sie in den Blumentopf des Mannes und bedeckt sie mit etwas Erde. Dann geht er zurück zum Eingang, wo schon der nächste auf ihn wartet.

Kommentare:

  1. Schöner Post.
    Ich persönlich mag es, mal wieder etwas zum lesen zu haben. Viele Blogger scheinen Posts mit Wörtern irgendwie ungerne zu lesen und zu kommentieren - das ist Schade, denn genau darum geht es ja eigentlich. Die Liebe zum Wort ...

    Liebste Grüße
    Justine
    http://www.justinewynnegacy.de/

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  2. ich empfinde die geschichte als sehr gesellschaftskritisch. passt zu dieser schnelllebigen zeit, in der nur wenige wissen, wie man entschläunigt lebt. da fällt mir was ein: meine mutter hatte eine orchidee, die über ein jahr keine blüten trug. jeden tag hat meine mutter sie gefüttert. ich sagte ihr irgendwann: mama, das wird nichts. die pflanze ist doch längst tot. sie sagte: ich glaube daran, dass sie wieder aufblüht. und eines tages hat sie tatsächlich wieder blumen getragen.

    lg
    dahi

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  3. Das hast du echt gut geschrieben, allerdings ist es auch so kritisch und treffend zugleich.. :)

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